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Berufsethik in der Möbelbranche

Massiver Schuhschrank fürs Vorzimmer

Massiver Schuhschrank fürs Vorzimmer

Über Berufsethik zu sprechen ist nicht so leicht, darüber zu schreiben ebenfalls nicht. Man bewegt sich hier in Grauzonen und deffiniert nur schwer, was ethisch und moralisch richtig ist, bzw. falsch. Es ist in gewisser Sichtweise womöglich wie in jedem anderen Beruf, den man elernen kann und wo man mehrere Berufsjahre braucht, um ihn auszüben. In der Möbelbranche vorallem von der Produzentenseite her gesehen, gibt es viel zu wissen und dieses Wissen und die Möbelkultur entwickelte sich über Jahrhunderte hinweg. Es wurde Wissen und Techniken von Generation an Generation weiter gegeben und Berufe wie Tischler/Schreiner waren ehrbare Berufe.

Man schreinerte Möbel, die andere Zuhause brauchten, man stattete Menschen mit notwendigen Gegenständen aus. Anders als vielerorts heute kannte man die Nutzer der Möbel noch persönlich. Herr Mayer kam persönlich, um einen Auftrag abzugeben, für den Schrank in seinem Wohnzimmer. Man musste schon, um sein Gesicht zu wahren, vor Menschen, die einem kannten, gute Arbeit ablieferen. Kennt man heute solche Situationen überhaupt noch? Wissen Sie wer Ihre Küche gebaut hat?

Der Wandel und der technische Fortschritt

Heute weiß fast kaum einer mehr, wer seine Möbel produziert hat, vielleicht errinnert man sich sogar nur mehr wage daran, aus welchem Geschäft man es gekauft hat. Ich habe meine Einrichtung aus so vielen Geschäften gekauft, dass ich nicht mehr zuordnen kann, woher diese stammen. Wir wissen nicht wirklich wie diese Möbel produziert werden, wissen nicht wirklich woher diese überhaupt kommen und unter welchen Bedingungen diese produziert werden, im Grunde ist es uns auch egal, Hauptsache sie sehen gut aus und kosten nicht viel.

Wenn früher ein Kunde in eine Schreinerei/Tischlerei kam, um ein Möbel zu bestellen, wurde er beraten, es wurden Kundenwünsche besprochen, ihm Vor- und Nachteile erläutert und ihm anhand von Beispielen gezeigt, wo technische Unterschiede bestehen. Womöglich arbeitete im Hintergrund ein Tischler an einem Möbelstück, und sägte gerade an einem Tischfuß, der trockene und lebendige Geruch von Holz lag in der Luft und man roch sogar, dass hier gearbeitet wird, an einem Meisterstück. Man sah den Tischler mit der Hand arbeiten, wie die erfahrene Hand gekonnte Bewegungen ausführte, um die Oberfläche richtig abzuschleifen.

Doch wer hat das schon in echt mal gesehen? Wen interessiert es überhaupt, wie das entsteht?

Es sind große technologische Fortschritte gemacht worden und man kann Möbel vom Fließband aus abfertigen. Natürlich ist dadurch keine individuelle Feinarbeit mehr möglich, aber dafür kostet es nicht so viel und Hersteller und Händler können viel mehr damit verdienen.  Es sind keine Kleinbetriebe, die die Möbelbranche dominieren, es sind Betriebe, die als “Industriebetriebe” gelistet sind in Branchenbücher, es sind Hersteller mit hundertausenden von Kunden, nicht mehr hunderten von Kunden. Werbung hat es geschafft, den Wert der Möbel aus dem Blickwinkel zu nehmen und durch Preiskampf zu ersetzen.

Wenn den Kunden die Produktion egal ist, die Arbeit, die dahinter steckt egal ist, sogar die Qualität größtenteils egal ist und er vollkommen aus den Augen verliert, wie ein Möbel produziert ist und welche Qualitätsansprüche er haben sollte, verlangt er auch automatisch irgendwo nicht mehr viel. Als ich noch in einem Möbelhaus arbeitete konnte ich Kunden innerhalb von Minuten etwas verkaufen. Der Trick dabei liegt, dem Kunden seine Sorgen abzunehmen und ihn nicht mit “unnötiges” Wissen zu belasten. Die Kunden wollen meistens gar nicht so viel wissen, es ist ihnen egal.

Ingo Maurer ´s Hängeleuchte ZETTEL

Ingo Maurer ´s Hängeleuchte ZETTEL

Nun wenn es ihnen egal ist, sollte es dem Händler dann mehr interessieren? Hat der Händler und der Produzent moralische Bedenken zu haben, wenn die Kunden, wie wild sich auf deren Produkte stürzen und ihnen die Kassen füllen? Von was für einem Verhältnis sollte man überhaupt noch sprechen, wenn Kunden, durch die Werbung geschädigt, keine Ansprüche mehr haben. Welche Berufsethik sollten Hersteller noch haben, wenn sich alles nur mehr um Stückzahlen und Abnahmemengen dreht? Wenn kein Tischler mit handwerklicher Begabung und langjähriger Erfahrung das Möbelstück auf den Kunden anpasst, sondern eine Maschine Möbelstück A jetzt 1000 mal herstellt?

Solange Kunden und Hersteller sich nicht wirklich sehen, nicht wirklich kennen sind moralische Bedenken nicht mehr wirklich existent. Von einer Berufsethik kann nicht mehr viel die Rede sein, es stecken ja nicht mal mehr wirklich Tischler/Schreiner dahinter. Man macht miteinander einfach nur mehr “Geschäfte”. Klar ist das nicht für alle Produkte anwendbar und nicht in allen Fällen, aber im Grunde rennt es größtenteils bereits so.

Und das Ironische dabei ist, dass viele nicht mal wissen, was sie verpassen.

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5 Kommentare zu “Berufsethik in der Möbelbranche”
  1. Interessante Fragen, die du aufwirfst. Ich mache mir auch oft Gedanken um ethische Fragen, die unsere fortgeschrittene Industrie betreffen.

    Woher kommt meine Matratze wirklich? Ist meine Schreibtischlampe eigentlich “sicher”? War es ein Kind, das meinen Monitor zusammengeschraubt hat oder eine Maschine?

    Allerdings befinde ich mich – wahrscheinlich wie die meisten der wenigen, die über so etwas überhaupt nachdenken – in einer Art Zwickmühle. Wenn ich mir nämlich die Bilder in diesem Artikel anschaue, denke ich: Wow, schöne Möbel.

    Mein Gehirn blendet meine Fragen dann gern aus, obwohl sie noch da sind.

    Die schockierendste Frage lautet jedoch: Wie viele Euros verdienen die Händler “zuviel”? Denn die Massenfertigung spart Millionen. Der Endkunde bekommt von diesen Ersparnissen jedoch immer nur einen Bruchteil mit…

  2. Der Händler verdient, aber wie schadfhaft das ist für den heimischen Markt ist, bleibt offen, denn wenn die Produktion ins Ausland verlagert wird und beim Handel gespart wird, haben die Angestellten der heimischen Betriebe auch die des Handels, nicht viel zu lachen, wenn das Gehalt nicht mehr passt, bzw. der Job weg ist.

  3. Interessanter Artikel, der zum Nachdenken anregt. Ich denke zukünftig werden die Möbelhäuser sich mit immer mehr Kunden auseinandersetzen müssen, die dann doch genauer wissen möchtem, wo das Möbelstück unter welchen Bedingungen gefertigt wird. Der Biotrend bei den Lebensmitteln zeigt ja auch, dass die Verbraucher Interesse an den Hintergründen für die Lebensmittelproduktion haben. Ähnliches Interesse wird bei Thema Möbel ganz sicher auch aufkommen, so dass viele Möbelhäuser in Zukunft eine Art Bio-Ethik-Möbel-Ausstellung haben, beispielsweise unter dem Motto “Möbel aus der Region”

  4. @Stefan: Hallo und danke für den ebenfalls interessanten Kommentar.
    Ich kann mir so einen Wandel durchaus vorstellen, denn langsam wird das Interesse an heimischer Wirtschaft wieder anwachsen müssen, denn die deutsche Möbelkultur hat einen guten Wert und eine gute Qualität und lässt sich Weltweit bedenklos präsentieren und zeigen.

    Ich kann mich noch erinnern, als ich bei einem Projekt mitgeplant hatte, für ein sehr großes Hotel in Dubai. Man sollte meinen, die Qualitätsansprüche von Hotels solcher Länder seien höher. Doch denen fehlte es an Verständnis für Qualität fast komplett. Die Toleranzen lagen nicht, wie bei uns im mm und halbe mm-Bereich, sondern bis in cm-Bereich. Die hatten ein Hotel mit 700 Zimmer so gebaut, dass Türen bis auf mehrere cm unterschiedlich waren, man konnte nicht laut Plan Türblätter liefern, weil man von allen Türstöcken Naturmaße nehmen musste und das bei so einem Projekt…
    Es war schwierig den Leuten begreiflich zu machen, auf welchem Level in Deutschland / Österreich produziert wird, wenn türkische und chinesische Firmen mit Dumpingpreisen umherstolzierten.

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